Smartphonefreie Schulen

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen immer deutlicher, dass intensive Smartphone-Nutzung tiefgreifende Auswirkungen auf Aufmerksamkeit, Gedächtnis, psychische Gesundheit und soziale Entwicklung haben kann – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Kinder und Jugendliche brauchen Orte, an denen nicht Algorithmen über ihre Aufmerksamkeit bestimmen. Schulen sollten genau solche Orte sein.

Die «Krise der Aufmerksamkeit»

Der französische Neurochirurg und Hirnforscher Marc Tadié beschäftigt sich seit Jahren mit den Auswirkungen digitaler Medien auf das Gehirn. Seine Einschätzung ist deutlich: Smartphones verändern nicht nur unser Verhalten, sondern auch unsere neuronalen Strukturen. Besonders problematisch ist dies in einer Lebensphase, in der sich das Gehirn noch entwickelt.

Marc Tadié verweist darauf, dass die Wissenschaft mittlerweile klare Hinweise liefert, dass Smartphones die kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Schon die blosse Anwesenheit eines Smartphones – selbst wenn es ausgeschaltet ist – kann die Konzentration messbar verringern. Besonders in Schulen ist das relevant. Dort geht es nicht nur um Wissensvermittlung, sondern um Aufmerksamkeit, soziale Entwicklung und gemeinsames Lernen.

Wenn das Gehirn weniger trainiert wird

Besonders eindrücklich sind die Erkenntnisse zur Funktionsweise unseres Gedächtnisses. Das Gehirn funktioniert in vielerlei Hinsicht wie ein Muskel: Was nicht genutzt wird, bildet sich zurück. Immer mehr Menschen lagern heute grundlegende kognitive Aufgaben an ihr Smartphone aus. Telefonnummern müssen nicht mehr erinnert, Wege nicht mehr gelernt und Wissen jederzeit einfach nachgeschlagen werden. Dadurch werden bestimmte Hirnregionen immer weniger beansprucht – insbesondere der Hippocampus, der zentral für Gedächtnis und räumliche Orientierung ist.

Tadié verweist auf Untersuchungen bei Londoner Taxifahrern. Diese mussten sich früher rund 25’000 Strassen einprägen und verfügten deshalb über einen aussergewöhnlich stark ausgeprägten Hippocampus. Seit GPS-Systeme diese Aufgabe übernehmen, zeigt sich eine Rückbildung dieser Hirnregion. Was praktisch erscheint, verändert langfristig die Art, wie wir denken und erinnern.

Smartphones verändern auch unser Sozialverhalten

Die Auswirkungen gehen über das Gedächtnis hinaus. Eine intensive Smartphone-Nutzung verändert auch unser Verhältnis zu anderen Menschen. Wer heute im Zug oder Tram unterwegs ist, erlebt oft eine Atmosphäre gegenseitiger Abwesenheit. Viele Menschen nehmen ihre Umgebung kaum noch wahr. Gespräche entstehen seltener, Blicke begegnen sich kaum noch. Studien weisen darauf hin, dass insbesondere problematische oder exzessive Social-Media-Nutzung mit geringerer Empathie sowie Schwierigkeiten beim Erkennen emotionaler Signale zusammenhängen kann.

Besonders Jugendliche scheinen zunehmend in digitalen Parallelwelten zu leben. Obwohl sie ständig vernetzt sind, fühlen sich viele gleichzeitig isolierter und einsamer. Jugendliche kommunizieren zwar permanent, verbringen aber gleichzeitig weniger Zeit mit realen Begegnungen. Manche ziehen sich zurück und präsentieren sich lieber online, statt echte soziale Erfahrungen zu machen. Viele Jugendliche berichten, dass sie sich in sozialen Netzwerken anders darstellen können als im wirklichen Leben – mit der Folge, dass manche irgendwann Mühe haben, überhaupt noch eine stabile eigene Rolle zu entwickeln.

Die Mechanismen der digitalen Sucht

Soziale Plattformen sind gezielt darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Likes, Benachrichtigungen und endlose Feeds aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn. Die neurobiologischen Mechanismen sind vergleichbar mit anderen Suchterkrankungen. Der Unterschied besteht darin, dass diese Form der Abhängigkeit legal, jederzeit verfügbar und gesellschaftlich akzeptiert ist.

Neue Langzeitstudien weisen darauf hin, dass insbesondere Social-Media-Nutzung mit späteren Aufmerksamkeitsproblemen zusammenhängen kann, während bei Videospielen oder dem blossen Anschauen von Videos deutlich schwächere oder keine vergleichbaren Effekte gefunden wurden.

Neue Studien zeigen klare Risiken

Besonders alarmierend sind neue Langzeitstudien, die erstmals belastbare Daten zur Smartphone-Nutzung von Kindern liefern. Eine grosse US-Studie mit über 10’000 Kindern zeigt, dass Jugendliche, die bereits vor dem zwölften Lebensjahr ein eigenes Smartphone erhalten, deutlich häufiger unter Schlafproblemen, Übergewicht und psychischen Belastungen leiden. Weitere Untersuchungen weisen auf schlechtere Leistungen bei Gedächtnis, Leseverständnis und Konzentration hin – selbst bei vergleichsweise moderater Nutzung sozialer Medien.

Diese Erkenntnisse decken sich mit Empfehlungen von Fachorganisationen wie Pro Juventute, Smartphones möglichst erst ab etwa zwölf Jahren einzuführen und soziale Medien nur begleitet und schrittweise zugänglich zu machen.

Schulen als geschützte Räume

Vor diesem Hintergrund gewinnt auch die politische Diskussion an Bedeutung. So hat beispielsweise der Grosse Rat des Kantons Basel-Stadt eine Petition für eine smartphonefreie Schulkultur im Dezember 2025 an den Regierungsrat überwiesen. Dabei ist der Ansatz bewusst pragmatisch: Die Forderung nach einer Regelung, die für alle Schulen gilt sowie nach einer smartphonefreien Schulkultur, die der Regelfall während der obligatorischen Präsenzzeit sein soll.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, die Digitalisierung oder hybrides Lernen abzulehnen. Schulen verfügen längst über digitale Infrastrukturen und entwickeln digitale Kulturen. Eine smartphonefreie Schulkultur ist vielmehr der Versuch, Schule als geschützten Raum zu bewahren – als Ort, an dem Kinder lernen, sich konzentrieren, Beziehungen aufbauen und sich als Menschen entwickeln können. Gerade auch Pausen erfüllen eine wichtige Funktion für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Sie dienen der Bewegung, der Erholung, sozialen Begegnungen und dem gemeinsamen Spiel. 

Kinder und Jugendliche brauchen Orte, an denen nicht Algorithmen über ihre Aufmerksamkeit bestimmen. Schulen sollten genau solche Orte sein. Dafür braucht es klare kantonale Leitlinien statt eines Flickenteppichs unterschiedlicher Regeln an einzelnen Schulen.