Der Display als Beziehungsersatz?

In den Familien wird viel weniger als früher gesprochen, werden seltener Geschichten erzählt oder vorgelesen – stattdessen werden die Kinder mit Smartphones oder Tablets ruhiggestellt.

Die jüngsten Schuleingangsuntersuchungen des Jahres 2024/2025 aus Sachsen zeigen, dass immer mehr Kinder vor der Einschulung relevante Sprachprobleme aufweisen. Von den rund 36.800 untersuchten Kindern zeigten 13.600, also etwa 37 Prozent, Auffälligkeiten in ihrer Sprachentwicklung. Dazu gehörten unter anderem Stottern, Lispeln sowie Probleme beim Satzbau oder bei der korrekten Aussprache von Wörtern. 2019 betrug der Anteil noch 34,8 Prozent.

Sprache entsteht im Dialog – nicht am Display

Sprachentwicklung ist kein passiver Prozess. Kinder lernen Sprache nicht durch blosses Zuhören, sondern durch Interaktion: durch Blickkontakt, Nachahmung, Rückfragen, Missverständnisse, Korrekturen. Sprache wächst im Dialog, im gemeinsamen Tun, im Spiel.

Digitale Medien verändern diesen Raum. Wenn Kleinkinder regelmässig vor Bildschirmen sitzen, verschiebt sich der Kommunikationsmodus grundlegend. Das Kind konsumiert Inhalte, reagiert vielleicht mit einem Tippen oder Wischen, aber es tritt nicht in einen echten sprachlichen Austausch. Ein Tablet antwortet nicht auf halbe Sätze. Es wartet nicht geduldig, bis ein Wort gefunden ist. Es fordert keine Präzisierung, keine Erzählung, es fragt nicht nach, interpretiert keine Gesichtsausdrücke und erkennt keine Unsicherheit und Zwischentöne.

Viele Eltern greifen aus besten Absichten zu digitalen Angeboten. Lern-Apps, Kinder-Videos, interaktive Spiele – alles wirkt bunt, pädagogisch aufbereitet, teilweise sogar wissenschaftlich fundiert. Studien zeigen aber, dass sogenannte “educational apps” bei sehr jungen Kindern kaum positive Effekte auf die Sprachentwicklung haben. Teilweise wirken sie sogar kontraproduktiv, weil sie reale Kommunikation ersetzen, statt sie zu ergänzen. Besonders kritisch ist die Nutzung im Alter bis drei Jahren – also genau in jener Phase, in der sich der Wortschatz, Grammatik und Sprachverständnis stark entwickeln sollten.

Weniger Austausch in der Familie und veränderte Berufswelt

Experten berichten zunehmend von Kindern, die zwar einzelne Begriffe kennen, aber keine zusammenhängenden Sätze bilden können, die Mühe haben, Geschichten zu erzählen oder Erlebnisse zu schildern und die Anweisungen schlecht verstehen. Diese Beobachtungen passen zu einem Alltag, in dem Kommunikation oft fragmentiert stattfindet: Ablenkung durch Displays, weniger gemeinsames Lesen, Erzählen oder Singen.

Hinzu kommt ein weiterer Effekt: verkürzte Aufmerksamkeitsspannen. Wer früh an schnelle Bildwechsel, permanente Reize und sofortige Belohnung gewöhnt wird, hat es schwerer, längeren Gesprächen zu folgen oder selbst sprachlich dranzubleiben.

Auch gesellschaftlich hat sich etwas verschoben. Eltern stehen unter Druck, sind beruflich stark eingebunden, organisatorisch gefordert. Das Smartphone wird zum Helfer im Alltag – schnell, zuverlässig, immer verfügbar. Das Problem ist nicht die Technik an sich, sondern die Verdrängung von Zeit: Zeit fürs Vorlesen, fürs gemeinsame Spielen, fürs geduldige Zuhören. Sprache braucht diese Zeit.

Besonderes Augenmerk auf die Kindergärten 

Wenn Kinder bereits mit sprachlichen Auffälligkeiten in den Kindergarten eintreten, stehen pädagogische Fachpersonen vor grossen Herausforderungen. Hinzu kommen die knappen Ressourcen. Eine VZE-Kalkulation einer Schulgemeinde muss ein spezielles Augenmerk auf die Klassengrössen im Kindergarten im Speziellen und im ersten Zyklus generell haben. Es ist systembedingt nicht absehbar, wie sich die Klassen zusammensetzen, wie viele Kinder mit diesen Auffälligkeiten eingeschult werden. Die ersten Jahre bestimmen aber oft über die weitere Schulkarriere. Auch wenn die Klassengrösse gemäss der berühmten Hattie-Studie keinen Einfluss auf den Lernerfolg hat: Wenn die Fachpersonen in den Kindergärten überlastet sind und die Kinder nicht zu fördern und zu integrieren vermögen, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder nicht gerne zur Schule gehen. Was in den ersten Jahren nicht aufgebaut wurde, kann später oft nur mühsam kompensiert werden.

Bemerkenswert ist dabei ein Befund, dass sich die zunehmenden Sprachprobleme sich auch dortzeigen, wo der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund niedrig ist. Die Daten widersprechen der simplen Erzählung, wonach Mehrsprachigkeit oder Zuwanderung die zentrale Ursache seien.

Sprache braucht Beziehung

Sprache entsteht in Beziehung und Interaktion – in Gesprächen, in gemeinsamen Spielen, beim Vorlesen, Erzählen oder einfachen Alltagsdialogen. Jedes Nachfrage, jede Nachahmung, jede Korrektur im Gespräch trägt dazu bei, dass Kinder Wörter nicht nur hören, sondern verstehen, verarbeiten und selbst anwenden.

Menschliche Kontakte fördern nicht nur den Wortschatz, sondern auch das Grammatikverständnis, die Ausdrucksfähigkeit, die Erzählkompetenz und sogar die Aufmerksamkeitsspanne. Kein Bildschirm, keine App kann das ersetzen, weil sie auf Interaktion, Geduld und emotionale Resonanz verzichtet – alles zentrale Bausteine der Sprachentwicklung. Sprache fördern heisst, Zeit zu investieren, zuzuhören, mit Kindern zu sprechen. Es bedeutet, den Alltag so zu gestalten, dass Kommunikation spannend und motivierend ist – vom gemeinsamen Frühstück bis zum Spielplatzbesuch.

Weniger Wischen, mehr Worte. Weniger passive Reize, mehr echte Begegnung. Nur so können Kinder Sprache nicht nur hören, sondern erleben, fühlen und schliesslich selbst gestalten. Sprache wächst in Beziehungen – und genau diese Beziehungen sind das Fundament für die künftige Bildung, soziale Kompetenz und Teilhabe.